Autogenes Training
eine satirische Kurzgeschichte von Peter Bieling
Kurt und ich trafen fast gleichzeitig am Haupteingang des Schiller-Gymnasiums ein. Beide hatten wir uns für den Volkshochschulkurs "Autogenes Training I" angemeldet.
"Ich muss dringend mal wieder innerlich zur Ruhe kommen", hatte Kurt geklagt. Er hatte sich im Computerbereich selbstständig gemacht und sich dabei einige Schulden aufgeladen, die ihm nun nachts im Traum erschienen.
Geldsorgen hatte ich glücklicherweise nicht, sondern eher Konditionsschwierigkeiten: Jahrelang war ich als Verwaltungsbeamter die Karriereleiter emporgestiegen, und nun war auf einmal Schluss. Nichts bewegte sich mehr. Eva, meine Frau, zählte schnippisch die Namen der Kollegen auf, die kürzlich befördert worden waren, doch es half nichts. Umsonst eiferte ich den rühmlichen Beispielen nach - mit dem Ergebnis, dass ich nur noch Schonkaffee vertrug. Vom Autogenen Training erhoffte ich mir den nötigen Wind, der mich aus der Flaute bringen sollte.
Kurt öffnete die schwere Tür mit dem verzierten schmiedeeisernen Knauf.
"Hier riecht es noch genauso wie vor zwanzig Jahren", stellte er fest, als wir das Treppenhaus betraten. Kurt hatte Recht. Dieselbe eigentümliche Mischung von Fußbodenreiniger und durchgeschwitzter Luft, die aus dem Umkleideraum sickerte. Während wir hinaufstiegen, stieß mich Kurt an und zeigte über das Treppengeländer nach unten. "Hier hat sich ja wirklich nichts verändert: kennst du noch den Getränkeautomaten?"
Ich wusste, worauf er anspielte. "Schulz ist immer noch Hausmeister hier", sagte ich.
"Ich weiß noch genau, wie wir ihn mit unseren Pusterohren beschossen haben, wenn er den Automaten nachfüllte. Er hat vor Wut gekocht, weil er uns nie etwas nachweisen konnte." Kurt lachte, wurde wieder der kleine Schuljunge. Es fehlte nur noch, dass er sich die Hände gerieben hätte.
Wir stiegen weiter die Treppen hinauf und kamen schnaufend vor dem Musikraum im dritten Stock an.
"Blöde Raucherei", schimpfte Kurt beim Eintreten. Ich gab ihm Recht. Früher hatten wir die paar Stufen im Spurt genommen.
Der Kursleiter, ein studierter Psychologe, war bereits da und wurde Zeuge unserer Not. Er tröstete uns wenig mit den Worten: "Gegen das Rauchen und andere Suchtleiden ist das Autogene Training ein bewährtes Mittel." Süchtig waren wir also? Wir wagten nicht zu widersprechen.
Einige Kursteilnehmer hatten schon begonnen, den Musikraum in eine Gymnastikhalle zu verwandeln. Mit vereinten Kräften rückten sie die von Sparkasse und Ehemaligenverein gestifteten Klaviere in die hinterste Ecke. Auch wir wurden zum Transport von Notenschränken, Stühlen und Tischen abkommandiert.
Wie ein italienischer Strandwart verteilte der Psychologe die vorhandenen Liegeplätze auf dem schallschluckenden Teppich. Merkwürdigerweise hörte man hier unten besonders gut den Verkehrslärm der Hauptstraße. (Neue Fenster sollte es nächstes Jahr geben.) Der Kursleiter versprach uns, dass wir nach längerem Üben solche und ähnliche Belästigungen einfach in uns ausschalten könnten. Zunächst einmal sollten wir den Lärm einfach nicht beachten.
"Mein rechter Arm ist ganz schwer", suggerierte der Meister.
Kurts Wunsch, endlich mal abzuschalten, wurde prompt erfüllt: Er fiel in tiefen Schlaf und begann selig zu schnarchen. Das sei völlig normal, versicherte der Psychologe einigen kichernden Teilnehmern und belehrte die Wachgebliebenen: "Ebenso normal ist es, wenn sich durch die ungewohnte spontane Entspannung plötzlich verdrängte Erlebnisse den Weg in unser Bewusstsein bahnen sollten."
Zwischen der monotonen Stimme des Kursleiters, dem Straßenlärm und Kurts Schnarchen wanderte ich im Geiste durch die Schule. Das Bild des Hausmeisters Schulz erschien, wie er schwitzend in der Julisonne die Rosenbeete hackte.
Kurt und ich hatten uns im obersten Toilettenraum verschanzt und einen beachtlichen Vorrat an Wasserbomben vorbereitet. In einer Art Überraschungsangriff gegen unbekannte Feinde schleuderten wir unsere Munition durch das geöffnete Fenster und ließen sie auf dem Schulhof explodieren. Bevor wir das Weite suchten, nahmen wir rasch noch das Ergebnis unseres Einsatzes in Augenschein. Wir konnten einen Volltreffer melden, doch waren wir mit unserem Erfolg nicht recht glücklich. Einen der gefüllten Ballons hatten wir nicht weit genug geschleudert. Der Hausmeister, völlig durchnässt, starrte, die Hand als Schirm gegen die hoch stehende Sonne gestellt, mit offenem Mund in den wolkenlosen Himmel. In panischem Schrecken flüchteten wir...
"Arme fest, tief atmen, Augen auf!" befahl der Kursleiter energisch, und ich fuhr erschrocken aus meinen Erinnerungen. Er verabschiedete sich bis zur nächsten Woche und verschwand.
Volle zehn Minuten brauchte ich, bis ich Kurt wieder auf die Beine gebracht hatte. Inzwischen hatten sich die übrigen Kursteilnehmer lachend und diskutierend auf den Heimweg gemacht.
"Nun komm endlich zu dir, Kurt! Eva wartet mit dem Essen auf mich", drängelte ich. In der Tür prallten wir mit einem älteren, aber sehr robust aussehenden Mann zusammen. Der Blick seiner stahlgrauen Augen traf uns wie ein Geschoß. Ich zuckte zusammen.
"So hab ich mir das gedacht, Freunde. - Aber nicht mit dem alten Schulz!" Er sah noch fast so aus wie früher, nur die Haare waren unter dem gnadenlosen Ansturm von zwanzig Schülerjahrgängen schlohweiß geworden.
"Das habt ihr hier so nicht vorgefunden, Jungs. Morgen früh ist hier Musikunterricht und kein Turnen. Also zack, zack! Alles retour!"
Kurt versuchte zu protestieren, schob die Schuld auf die anderen. Ich führte einen kaputten Rücken ins Feld, doch wir hatten kein Glück.
"Das Klavier da vorne hin und den Schrank daneben!" kommandierte er und zündete sich eine Zigarette an.
Wir schufteten wie die Ochsen.
"Nein, nein, ganz woanders", log ich unter der Last des dritten Klaviers.
"Na, ja", stellte er mitleidig fest und drückte seine Zigarette in einem Blumentopf aus, "unsere Jungs haben auch mehr Saft und Kraft mit auf den Lebensweg bekommen. - Jetzt noch die Tische und Stühle und dann ab durch die Mitte! Nächste Woche dann bitte gleich so."
Als Kurt und ich endlich schweißgebadet an ihm vorüber zur Tür schlichen, zuckte etwas wie eine Ahnung über sein Gesicht. "Ihr seid mir doch schon einmal über den Weg gelaufen", hörten wir ihn noch murmeln. Wir machten, dass wir fort kamen.
"Irgendwann war das mal fällig", stöhnte Kurt, als wir die Treppe hinuntereilten.
Beide waren wir uns einig, dass Autogenes Training für uns nicht das Richtige war.
