Chemie im Alltag - Ergebnisse einer repräsentativen Befragung deutscher Verbraucherinnen und Verbraucher
Mit jedem neuen Giftstoffskandal, der die Tagespresse durchläuft, reagieren wir kurzweilig mit Aufmerksamkeit, Entsetzen, Kaufvermeidung gegenüber bestimmten Produkten bis hin zum Protest auf der Straße.
Das Bewusstsein der Bürger gegenüber Gefahrstoffen ist in den letzten Jahrzehnten gestiegen, das Image der chemischen Industrie gesunken. Die Bürger wollen keine Giftstoffe, soviel steht fest.
Dagegen zu sein ist eine logische und vernünftige Einstellung, für sich selbst, seine Kinder und die Nachwelt. Dagen zu sein ist auch einfach - schließlich handelt es sich zunächst nur um eine Einstellung und eine Aussage.
Doch spiegelt sich diese Haltung auch dort wieder, wo der Einzelne für sich und seine Familie Giftstoffe im Alltag meiden könnte, sich über Gefahrstoffe informieren kann und wird dieses zunehmende Gesundheitsbewusstsein tatsächlich in den eigenen vier Wänden gelebt ...? Oder greifen hier Erkenntnisse aus der Risikoforschung, dass Gefahren, die freiwillig eingegangen werden, viel eher toleriert und verantwortbar eingeschätzt werden?
Eine detaillierte Studie des BfR (weitere Informationen hierzu am Ende des Artikels) gibt Aufschluss mit erstaunlichen Erkenntnissen!
Jung und Alt, Männer und Frauen, Gebildete und weniger Gebildete, Bürger aus den alten und neuen Bundesländern unterscheiden sich zum Teil erheblich in ihrer Risikowahrnehmung - oder auch überraschenderweise gar nicht. Und wieviel Prozent der Bürger glauben gar, Giftstoffe am Geruch erkennen zu können? Wie wägen wir Risiko und Nutzen ab? Wie informieren wir uns? Viele Fragen - spannende Antworten ...
Auszüge aus den Befragung
Vermutete gesundheitliche Bedenken trotz sachgerechter Anwendung
Frage:
Kann man Ihrer Meinung nach gesundheitliche Beeinträchtigungen
durch Produkte mit chemischen Inhaltsstoffen davon tragen, auch wenn diese
sachgerecht angewendet werden?
Insbesondere werden Allergien und Hautreizungen vermutet, des weiteren Atemnot, Verätzungen, Augenreizungen, Husten, Vergiftung und andere Reaktionen.
Die größten gesundheitlichen Bedenken bestehen gegenüber Baustoffen, gefolgt von Reinigungsmitteln, Spielzeug und Kinderprodukten. Die geringsten Bedenken gibt es gegenüber Kosmetika.
Bei den Reinigungsmitteln werden vorrangig Backofenreiniger, WC-Reiniger, Desinfektionsmittel und Allzweckreiniger als gesundheitlich bedenklich eingestuft.
Je häufiger bestimmte Produkte verwendet werden, desto geringer sind die gesundheitlichen Bedenken.
Nutzen- und Risikoabwägung
Frage zur Wahrnehmung der Präsenz von Chemikalien im Alltag (Männer/Frauen)
Der eklatanten Gefahreneinschätzung stehen folglich Nutzen- und Risikoabwägung gegenüber.
Mehr Männer als Frauen
können sich Chemikalien nicht mehr aus ihrem Alltag wegdenken und sind der Meinung, dass chemische Produkte ihren Alltag wesentlich erleichtern und diese Produkte wirkungsvoller sind,
während Frauen
eher versuchen, chemische Produkte zu meiden und auf solche mit natürlichen Inhaltstoffen zurückzugreifen, auch wenn diese teurer sind.
Jüngere Verbraucher
nutzen deutlich mehr chemische Produkte im Alltag. Sie sind der Meinung, dass diese Produkte eine Erleichterung darstellen.
Ältere Verbraucher
versuchen den Umgang mit Chemikalien im Alltag zu vermeiden.
Das Bildungsniveau
hat keinen Einfluss auf die Einstellung zu Chemikalien. Diese Erkenntnis hat die Analysten der Studie am meisten verwundert. Anzumerken ist an dieser Stelle, dass in der Studie beklagt wird, dass die Produktinformationen (wie Sicherheitsdatenblätter) für den Verbraucher oft unverständlich sind.
Einhaltung von Verwendungshinweisen (Beispiel: Reinigungsmittel)
85% der Verbraucher hält die Verwendungshinweise immer (48%) oder meistens (37%) ein; 12% der Verbraucher manchmal oder nie.
Je höher die Bildung, desto eher werden die Gefahren- und Sicherheitshinweise eingehalten. Männer gehen mit den Hinweisen leichtfertiger um als Frauen. Verbraucher mit Migrationshintergrund halten sich deutlich geringer an die Gefahren- und Sicherheitshinweise.
Wie erkennen Verbraucher als gefährlich einzustufende Produkte
Frage:
Angenommen ein chemiehaltiges Produkt ist als gefährlich einzustufen, woran erkennen Sie das?
Wie informieren sich Verbraucher über Risiken und Anwendung der Produkte - was vermissen sie
Verbraucher informieren sich in der Hauptsache über die Informationen auf den Produktverpackungen (oder den Beipackzetteln). Dort erwarten auch 91% diese Hinweise.
Die Informationen werden jedoch als unzureichend erachtet. Vermisst werden verstärkt Hinweise über Risiken und Gefahren, sowie verständliche und ausführliche Informationen. 19% der Verbraucher wünschen eine größere Schrift, 10% die vollständige Liste der Inhaltstoffe.
Im Internet werden ausschließlich Herstellerseiten, Webseiten von Verbraucherschutzverbänden und private Foren genutzt. Staatliche Webseiten hingegen kaum. Als weitere Informationsquelle dienen Medien wie Fernsehen oder Zeitschriften.
Gefahrensymbole
werden stärker als die Texte auf den Verpackungen wahrgenommen.
In den neuen Bundesländern kennen jedoch gerade mal 61% der Befragten die orangefarbenen Gefahrensymbole gegenüber 73% in den alten Bundesländern.
Geht es um die Benennung bestimmter Gefahrensymbole, so können gerade noch (im Durchschnitt) 2,5 Symbole in den alten und 2 in den neuen Bundesländern benannt werden.
Wer ist aus Sicht der Verbraucher für die Produktsicherheit verantworlich
Hauptverantwortlich für die Produktsicherheit ist nach Meinung der Befragten der Hersteller. Die Einhaltung von Regeln wird dem Staat und den Verbraucherschutzverbänden zugeschrieben.
Die Studie "Chemie im Alltag"
Die detaillierte Studie "Chemie im Alltag" die das Bundesministerium für Risikobewertung (BfR) in Auftrag gegeben hat und die in 2008/2009 erstellt wurde, hatte und hat zum Ziel, den Verbraucher besser zu verstehen und die Ergebnisse der Studie zu nutzen, um die Kommunikation über Gefahrstoffe seitens der zuständigen Ämter und Institutionen gegenüber dem Verbraucher zu verbessern.
Insbesondere sollen Hersteller zukünftig stärker in die Pflicht genommen werden, Informationen verbraucherorientiert und verständlich zu vermitteln. Die Studie hat gezeigt, dass die meisten Verbraucher mehr Informationen und Gefahrenhinweise auf den Verpackungen oder Beipackzetteln von den Herstellern erwarten.
Das Bundesministerium für Risikobewertung (BfR)
„Das BfR hat den gesetzlichen Auftrag, über mögliche, identifizierte und bewertete Risiken zu informieren, die Lebensmittel, Stoffe und Produkte für den Verbraucher bergen können. Der gesamte Bewertungsprozess soll für alle Bürger transparent dargestellt werden. Durch eine umfassende, vollständige und nachvollziehbare Risikokommunikation macht das BfR Wissenschaft für den Verbraucher sichtbar und nutzbar.“
Danksagung
Wir bedanken uns ausdrücklich bei dem Bundesministerium für Risikobewertung (BfR), dass wir die Studie für unseren Beitrag zu Grunde legen durften und darüber hinaus die Genehmigung erhalten haben, Grafiken hieraus zu präsentieren.
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