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Alltagssituationen bieten oft Anlass, dass wir uns über etwas aufregen, dass wir genervt sind. Unsere Verfassung und die Summe aller "kleinen" Aufreger wirken zusammen. Auch die Marotten unserer nahestenden Mitmenschen können uns über die Zeit immer stärker auf die Palme bringen. Manchmal scheint sogar die Trennung von einem Partner unvermeidlich.

PSYCHOLOGIE


Das nervt!
von Annette Schäfer


Warum wir auf die Zumutungen des Alltags nicht gelassen reagieren können. Das Hämmern von der Baustelle gegenüber, Leute, die einem im Bus auf die Pelle rücken, ständiger Küchengestank im Hausflur - der Alltag ist voller Ärgernisse und Belästigungen. Die Folge: Man ist genervt. Ist man zu empfindlich? Nein, sagt die Wissenschaft. In unserer hektischen, lärmenden, bürokratischen Welt kann der Mensch gar nicht anders, als manchmal gereizt zu sein.

Es ist mal wieder einer jener Tage: Das Flugzeug hat so viel Verspätung, dass man den Anschluss verpassen wird, der Sitz scheint noch enger als die letzten Male, dazu der Sechsjährige, der von hinten ständig gegen die Rückenlehen tritt, und am Zielflughafen ist natürlich der Koffer nicht da. Angesichts von Hunger und Kriegen in der Welt mögen das alles Kleinigkeiten sein. Trotzdem steht man wie unter Strom und würde am liebsten irgendjemandem "Das ist ein Unverschämtheit!!" ins Gesicht schmettern.

Reisen scheinen besonders oft Anlass zu solchen fantasierten (und manchmal auch tatsächlichen) Ausbrüchen zu geben, aber es kann jederzeit und überall passieren. Der moderne Mensch ist ein oft genervtes Wesen. Da braucht man sich nur zur Rushhour in einer vollgestopften Straßenbahn oder kurz vor Ladenschluss in einem Supermarkt umzusehen. Wissenschafter sagen, bereits unsere Urahnen hätten diesen unangenehmen Zustand gekannt. Doch die heutige Welt ist besonders "nervig". Lärm, räumliche Enge, verwirrende Technik, bürokratische Strukturen - im Vergleich dazu müssen die Savannen und Wälder früherer Zeit Balsam für das Nervenkostüm gewesen sein.

Was passiert mit uns, wenn uns etwas auf den Wecker geht?

In ihrem aktuellen Buch "Annoying - the science of what bugs us" beleuchten die amerikanischen Autoren Joe Palca und Flora Lichtman das Phänomen der nervlichen Anspannung und stellen fest: "Obwohl jeder sagen kann, was ihn stört, gibt es fast niemanden, der erklären kann, warum ihn etwas nervt." Auch Forscher hätten nur wenig direkte Untersuchungen zu diesem Thema durchgeführt, räumen sie ein: "Genervt zu sein ist wahrscheinlich die am meisten erlebte und am wenigsten erforschte menschliche Emotion" Trotzdem gibt es keinen Mangel an indirekten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die aus Disziplinen wie der Psychologie, den Neurowissenschaften, der Philosophie, der Linguistik und der Soziologie kommen.

Aus vielfältigen Quellen haben die Autoren die Bedingungen destilliert, unter denen man besonders leicht irritiert reagiert:

Unangenehmes:
Naturgemäß sind es unangenehme Dinge, die einem auf die Palme treiben. Oft sind sie nicht extrem, nicht unerträglich, betonen Palca und Lichtman, "nur leicht unbehaglich". In diese Kategorie fällt eine Vielzahl von Dingen: ein quengelndes Kind, ein tropfender Wasserhahn, eine surrende Stechmücke. Manche Dinge scheinen fast jeden zu stören (zum Beispiel der Geruch alten Urins). Andere Belästigungen sind subjektiver: Was für den einen ein verführerisches Parfüm ist, empfindet der andere als Gestank.

Unberechenbarkeit:
Auf die Nerven gehen uns insbesondere Unannehmlichkeiten, die unberechenbar sind. Wenn der Nachbar warnt, er werde am Samstagabend eine Party veranstalten, kann man mit der Musik und dem Getrampel besser umgehen, als wenn der Lärm überraschend anfängt. Auch Dinge, die eine Regelmäßigkeit, einen Rhythmus haben - das laute Ticken einer Uhr, das kontinuierliche Rauschen einer befahrenen Straße - , lassen sich meist ignorieren. Viel schwieriger ist as bei etwas, das zwar einem gewissen Muster zu folgen scheint, aber dennoch unvorhersehbar ist. So etwas erregt unsere Aufmerksamkeit, ob wir wollen oder nicht. Wenn jemand in der Nebenwohnung zwei Minuten hämmert, dann eine Pause macht, dann wieder klopft, dann wieder nicht - das sind die Momente, in denen man am liebsten durch die Decke gehen würde.

Unbestimmte Dauer:
Eine besonders nerviger Aspekt von Unberechenbarkeit ist eine unbestimmte Dauer, denn sie erzeugt Ungeduld. Man weiß, das Unangenehme wird irgendwann enden. Aber wann endlich? "Dies stattet die Situation mit Erwartungsdruck, einem Gefühl der Dringlichkeit aus", so Palca und Lichtman. Wenn wir genau wissen, um wie viel Uhr eine Lärmbelästigung aufhören wird - oder dass sie niemals aufhören wird - , können wir uns darauf einstellen. So aber zählen wir jede Minute, lauschen, schauen wir ständig auf die Uhr und regen uns immer mehr auf.

Die Wirkung dieser drei Faktoren

lässt sich besonders gut am Beispiel Mobiltelefon beobachten. Mithören zu müssen, was andere in ihre Handys plappern, ist wohl eine der größten Belästigungsquellen der heutigen Zeit. Forscher von der University of York haben gezeigt: Handygespräche werden als viel störender wahrgenommen als Gespräche zwischen anwesenden Personen. Um irritiert zu sein, muss man kein besonders empfindlicher Zeitgenosse sein oder besonders strikte Vorstellungen von gutem Benehmen haben. Es hat auch nichts mit der spezifischen Stimme des Telefonierenden zu tun. Das Geplauder am Mobiltelefon hat eine Besonderheit: Es ist der nervensägende Dreiklang aus Unangenehmem, Unberechenbarem und zeitlicher Unsicherheit.

Es ist erstaunlich schwierig zu definieren, was es genau heißt, genervt zu sein.

Auch unter Wissenschaftlern herrscht keine Einigkeit. In "Annoying" haben Palca und Lichtman unterschiedliche Sichtweisen zusammengetragen. Manche Forscher betrachten Genervtsein als eine milde Form von Ärger. Andere betonen eher die Nähe zum Widerwillen oder auch zur Frustration.

...

Unsere komplexe, technisierte, bürokratische Welt ist voller Sandkörner, aber wie oft und wie sehr man genervt ist, liegt auch einem selbst. Je voller der Terminkalender, je eiliger man es hat, desto leichter reagiert man genervt. Die Heftigkeit, mit der man sich über einen Stau ärgert, hat nur bedingt mit seiner Länge zu tun oder wie viel Zeit man darin verbringt, sondern vor allem damit, wie dringend man pünktlich ans Ziel kommen will.

Die vielleicht beste Studie genervter - und nervender - Menschen ist die Filmkomödie
"Ein seltsames Paar"

Der ruppige Sportjournalist Oscar Madison (Walter Matthau) lebt in einer chaotischen Wohnung mit angeschimmelten Lebensmitteln im Kühlschrank und Stapeln von unbezahlten Rechnungen. Felix Unger (Jack Lemmon), pedantisch, krankhaft reinlich und voller Ticks, zieht nach der Trennung von seiner Frau bei Oscar ein. Dank Felix erlebt der Haushalt eine wundersame Transformation. Zunächst schätzt sein schlampiger Gastgeber die nun immer frisch gewaschene Wäsche und das selbstgekochte Essen. Doch zunehmend wird ihm das ständige Putzen, Wischen und Räumen seines Gastes zu viel. Erst fühlt er sich nur leicht gestört, dann reagiert er immer empfindlicher, bis es schließlich zum großen Ausbruch kommt. "Ich kann es nicht mehr ertragen", schreit er Felix an. "Ich drehe durch. Alles, was du macht, regt mich auf."

Felix und Oscar gehören beide in die Kategorie "nervige Zeitgenossen", Leute, die mit ihrer merkwürdigen, extremen oder unberechenbaren Art die Umgebung in den Wahnsinn treiben. Der Film beleuchtet zudem ein Phänomen, das auch weniger schwierige Menschen betrifft: Je länger und häufiger man den Marotten und Wunderlichkeiten eines anderen ausgesetzt ist, desto leichter regt man sich über sie auf. Der Psychologe Michael Cunningham von der Universität von Louisville in Kentucky nennt dies

eine soziale Allergie.

Leicht unangenehmen Verhaltensweisen von anderen, argumentiert er, scheinen unsere Emotionen in einer Weise zu beeinflussen, die der immunologischen Funktionsweise von physischen Allergenen ähnelt. Genauso wie der Körper mancher Menschen auf Brennnesseln oder Erdnüsse zunächst leicht und bei jedem weiteren Kontakt immer stärker reagiert, ist es auch bei der sozialen Allergie. "Wenn jemand das erste Mal entdeckt, dass der Partner die Radiotasten im Auto umprogrammiert hat" schreibt Cunningham, "Wird er wahrscheinlich nur leicht gereizt reagieren. "Jedes Mal, wenn dies erneut passiert, fällt seine emotionale Reaktion etwas heftiger aus."

Zur Sensibilisierung trägt seiner Meinung nach ein Effekt bei, der stimmungskongruente Erinnerung genannt wird: Wenn man sich durch eine Freundin oder den Partner genervt fühlt, werden dadurch leicht Erinnerungen an einen ähnlichen Vorfall aktiviert. Die momentanen negativen Gefühle, die Erinnerungen an frühere negative Gefühle plus alle anderen negativen Gefühle des Tages, die gar nichts mit dem Verhalten des anderen zu tun haben müssen, addieren sich auf. Je häufiger dieser Prozess abläuft, umso negativer reagiert man.

Soziale Allergien scheinen ein äußert weit verbreitetes Phänomen zu sein,

wie Cunninghams Forschung zeigt. In einer Studie fragte er 150 Teilnehmer nach einem Menschen, der sie mit Kleinigkeiten zum Wahnsinn treibt. Alle waren in der Lage, mindestens einen solchen Menschen zu nennen; der Durchschnitt lag bei vier. Auf die Frage nach der größten Nervensäge nominierten 30 Prozent einen Freund, 18 Prozent den Lebenspartner, 18 Prozent einen Kollegen, 17 Prozent den Vorgesetzten oder Lehrer und 14 Prozent ein Familienmitglied oder einen Verwandten. Die störenden Gewohnheiten reichten von ungehobeltem Verhalten (Sprechen mit vollem Mund, Nasebohren), Rücksichtslosigkeiten (ständiges Zuspätkommen, Nur-über-sich-selbst-Reden), aufdringliches Verhalten (Rumkommandieren, Kritisieren) bis zu Normverletzungen (Alkoholkonsum, Flirten).

Wie kommt es, wird sich mancher wundern, dass so viele Menschen ausgerechnet auf den Liebespartner allergisch reagieren?

Nach Cunninghams Studien sind dafür gleich mehrere Faktoren verantwortlich. Wenn die Leidenschaft der ersten Zeit nachlässt und man den Partner ohne rosarote Brille sieht, wird man irritierende Verhaltensweisen wahrnehmen, die man zunächst übersehen hat. Darüber hinaus zeigt der Partner nun vielleicht tatsächlich öfter seine unangenehmen Seiten, weil er nicht mehr wie anfangs um jeden Preis einen guten Eindruck machen will.

In einer Studie mit 137 Paaren im Studentenalter zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen der Dauer der Beziehung und dem Auftreten von nervigem Verhalten.

Geschlechterstereotype scheinen soziale Allergien weiter zu verschlimmern:

So gingen den männlichen Studienteilnehmern Weinerlichkeit, Launenhaftigkeit und ständiges Kritisieren, die typischerweise Frauen zugeschrieben werden, besonders auf die Nerven. Die weiblichen Probanden sahen bei "Typisch männlichen" Verhaltensweisen wie Unordentlichkeit, körperlicher Ungepflegtheit oder emotionalem Rückzug schnell rot. Die Sensibilisierung durch Wiederholung tat dann ein Übriges, um die Partner immer empfindlicher aufeinander reagieren zu lassen. Manchmal mit drastischen Konsequenzen: Kleine Irritationen konnten sich im Laufe der Zeit so sehr aufbauen, dass einer der Partner entschied, die Beziehung zu beenden.

Von einer Nervensäge kann man sich trennen. Doch es wird kaum gelingen, alle Ärgernisse im Leben zu vermeiden.

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"Die Dinge, die uns auf die Nerven gehen", so die Autoren, "tun dies oft in einer Weise, die jenseits von Vernunftüberlegungen liegt."

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"Vielleicht sollten wir einfach dankbar dafür sein", meinen die Autoren, "dass die Natur uns die Fähigkeit gegeben hat, uns manchmal aufzuregen, egal was die ursprüngliche Ursache dafür war."


Den kompletten Artikel lesen Sie im Heft:
Psychologie Heute 03 / 2012