PSYCHOLOGIE

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Buchempfehlung - Sabine Marya:Hand in Hand

Hand in Hand
Sabine Marya

AF-Verlag
ISBN: 978-3-9813173-2-9
Preis 15,90 EUR

Sabine Marya
wurde 1962 geboren und lebt
in Nordfriesland. Die Autorin schreibt Bücher gegen sexuelle Gewalt, für Menschen mit multipler Persönlichkeit, Bücher, die Tabuthemen aufgreifen und Partei ergreifen für Überlebende.

Ihr Repertoire umfasst darüber hinaus Gedichte, Geschichten, Märchen, Kriminalromane u.v.m.

www.marya.de

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Dieser Artikel ist für Menschen ohne Dissoziative Identitätsstörung geschrieben. PORTALgesund möchte über dieses Krankheitsbild verständlich und sensibel informieren, Zustände, Probleme und Ursachen begreifbar machen und mit einem Buchtipp nahestehenden Personen helfen.

Multiple Persönlichkeiten - DIS

"Das sind doch die Menschen, die aus zwei Personen bestehen. Wo die eine nichts von der anderen weiß."

Mit Unterstützung reißerischer Krimis wird dieses Bild von Menschen mit (wie es heute richtig heißt) "Dissoziativer Identitätsstörung" gepflegt und immer noch einem Millionenpublikum verkauft. Weder trägt dieses Klischee zur Wahrheitsfindung bei, noch hilft es Betroffenen oder Partnern. Im Gegenteil. Unverstanden und meist unerkannt leben Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung unter uns. Ursachen und unendliches Leid der Betroffenen bleiben dem Umfeld nicht selten verborgen und erst in Beziehungen treten plötzlich auch für Außenstehende Probleme zutage, die zu bewältigen nahezu unlösbar erscheinen, die extrem leidvoll sind und überfordern.

Um es vorweg zu nehmen:
Es handelt sich nicht um einige verwirrte Exoten, sondern um eine Vielzahl betroffener durchschnittlich bis überdurchschnittlich intelligenter Menschen, die als Kinder extrem traumatisierende Gewalt-Erfahrungen gemacht haben.

Das Innenleben

Um sich auch nur ansatzweise in eine multiple Persönlichkeit hineinversetzen zu können, denken Sie einmal darüber nach, in welchen unterschiedlichen Gemütszuständen Sie sich selber kennen und wahrnehmen. Wie Sie gerne heiter und frohgelaunt lachen und herumalbern, gesellig sind, Ihre Lieblingsmusik auflegen und auch über nervtötende Alltagssituationen locker hinwegsehen können. Am nächsten Tag hingegen sind Sie unausgeschlafen, haben bereits am frühen Morgen eine traurige Nachricht erhalten und in Ihrem Inneren macht sich ein Gefühl der Leere, Traurigkeit und Schwere breit. Die Fröhlichkeit des Vortages ist vergessen. Während Sie Ihre alltäglichen Arbeiten verrichten, spüren Sie, wie Ihr Körper schnell ermüdet. Das Telefon klingelt: "Wir waren doch verabredet. Wo bleibst Du denn?" "Herrje, das habe ich ja ganz vergessen." Sie sagen ab. Das Leben erscheint sinnlos. Noch bevor Sie sich endgültig Ihrer depressiven Stimmung hingeben, klingelt es an der Tür, Ihr heißgeliebter Partner nimmt Sie in die Arme und schon geht es Ihnen wieder besser...

Stimmungsschwankungen und deren körperliche Begleiterscheinungen kennt jeder von uns. Teils sind sie biologisch, teils situativ erklärbar. Stellen Sie sich nun vor, diese unterschiedlichen Stimmungen, die Sie von sich kennen, sind keine Gemütszustände, sondern eigenständige Personen, die in Ihrem Inneren leben. Von Kind auf an. Die eine ist gesellig, die andere erledigt die Hausarbeiten, die dritte ist depressiv und suizidgefährdet und, und, und. Bei diesen Personen, die in Ihnen leben, handelt es sich jedoch nicht unbedingt um Menschen gleichen Alters und Geschlechtes. So ist die alberne des Vortages ein kleines Kind, die Dreißigjährige geht einkaufen, ...und so gibt es Kinder, Frauen und Männer unterschiedlichen Alters in Ihnen, mit unterschiedlichen Aufgabenbereichen und Gemütszuständen. Mindestens gibt es zwei Innenpersonen, meist sind es 10 bis 15, es gibt aber auch Menschen mit bis zu 100 Innenpersonen.

So wie Sie es an schlechten Tagen kaum schaffen, aus ihrer Traurigkeit und Lustlosigkeit herauszukommen, so übernimmt eine der Innenpersonen für eine gewisse Zeit die Vorherrschaft. Und wehe dem, es handelt sich hier um die Depressive, die sich abkapselt, deren Körper schwächelt und die nur noch ins Leere blickt. Keine der anderen Personen kann durchdringen und diese Person verdrängen. Genauso wenig, wie Sie Ihre Freundin am Telefon aus der Traurigkeit herausreißen konnte. Anders als bei Ihnen, haben selbstzerstörerische Personen soviel Macht, dass auch die Zuneigung Ihres Partners kein Herausreißen aus dem Tief bewirken könnte. So kann diese Person über lange Zeit ihren Innenpersonen, aber auch nahestehenden Personen extrem schaden. Die Selbstmordrate bei Personen mit DIS liegt etwa bei 15%.

Manch eine dieser Innnenpersonen kennt die andere, so wie Sie sich noch entfernt an die Fröhlichkeit des Vortages erinnern konnten, diffus, denn auf Grund der traurigen Nachricht und Ihrer schlechten Verfassung können Sie sich schließlich kaum noch daran erinnern, welche Musik Sie aufgelegt haben, über welchen Witz Sie gelacht haben. Das funktioniert nicht mehr.

Und manch eine kennt die anderen nicht einmal. So lebt die eine dieser Tage, die andere ein paar Stunden und so vergeht Lebenszeit ohne Gefühl für Zeit. Wenn die Freundin erneut anruft, und sich beklagt, dass Sie sich schon so lange nicht mehr gemeldet haben, dann verstehen Sie nicht, denn es war doch erst gestern, als sie telefoniert hatten. Oder war es ein anderes Telefonat, welches Ihre Freundin meinte. Zumindest tun Sie so als ob Sie sich erinnern könnten. Wenn Ihre Freundin dieses so beteuert, muss es ja stimmen.

Beschwerden

So wie Sie sich an guten Tagen heiter und beschwingt durch den Tag bewegen und Ihr Körper anderentags merklich auf Stress reagiert, so wechselt der körperliche Zustand bei Menschen mit DIS ebenso. Beschwerden fallen jedoch weitaus gravierender aus: Sehstörungen, hohe Vergesslichkeit, Gedächtnislücken, Lähmungserscheinungen, Selbstverletzungen, schwere Depressionen, Selbstmordgefahr, sind nur einige der Folgen.

Das Leben nach außen

Trotz dieser Fülle von unvorstellbaren Zuständen und Beschwerden ist es kaum nachvollziehbar, dass diese Menschen dennoch versuchen, ihre Krankheit vor der Außenwelt zu verheimlichen - so gut es eben geht. Aber wie sollten sie auch mit anderen Menschen darüber sprechen, wo doch das Wissen über diese Krankheit in der Bevölkerung derart gering ist und sie Gefahr laufen, als verrückt abgestempelt zu werden. Starke Depressionen lassen sich sicherlich nicht überspielen, aber dieses bleibt oftmals auch das einzige Krankheitsbild, welches die Umgebung wahrnimmt und versteht.

Neben all den ohnehin schon unerträglichen Beschwerden machen die Erinnerungslücken das Leben in unserer Gesellschaft zur Qual. Im Laufe der Jahre schaffen sich diese Menschen ein eigenes System, um irgendwie zurecht zu kommen. Sie schreiben sich alles Wichtige auf und schlimmstenfalls wird auch mal hier und da beteuert, dass sich das Gegenüber geirrt haben muss.

So wie Ihr äußeres Erscheinungsbild nicht selten wechselt - bei der Gartenarbeit sehen Sie selbstverständlich anders aus, als am Abend, entspannt und zurechtgemacht zum Ausgehen, so wechselt das Aussehen dieser Menschen ebenso. Mit einem Unterschied: Die Innenpersonen, die sich ihrer Umwelt preisgeben - einige tun das nie - haben meist eine eigene Mimik, eine eigene Körpersprache, eine eigene Handschrift, eigene Vorlieben, eigene Freunde, und und und.

Wer engen Kontakt zu Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung hat, wird früher oder später über diese offensichtlichen Wechsel stutzig werden. Heute ein verspieltes Kind, morgen eine ernstzunehmende Gesprächspartnerin in gewichtigen Dialogen gepaart mit einem unterschiedlichen äußeren Erscheinungsbild. Wer von der Krankheit nichts weiß, schreibt diese Veränderungen alltagsbedingten Stimmungsschwankungen oder persönlichen Eigenarten zu, die eben jeder von sich selber kennt.

Das Leben in Beziehungen

Binnen kürzester Zeit wird hier für den Partner die Problematik sichtbar und nicht selten finden sich Menschen, die sich in eine oder mehrere der Personen verlieben plötzlich in Situationen wieder, die ungekannt, unvorstellbar und kaum zu verarbeiten sind. Neben sexuellen Problemen ist es schier unerträglich mit ansehen zu müssen, wie sich der geliebte Partner plötzlich selbst verletzt. Zu begreifen, dass man sein Leben nicht mit einer Frau, sondern mit vielen Personen unterschiedlichen Geschlechts teilt, mag ebenso befremden, wie der offenkundige, teils spontane Wechsel der Persönlichkeiten.

Während sich Freunde über ihre Beziehungsprobleme in der Regel austauschen, beginnt hier eine weitere Problematik. Man möchte diese gravierenden Probleme seines Partners nicht nach Außen tragen und spätestens dann, wenn die eigene Belastung derart hoch ist, und der vorsichtige Versuch unternommen wird, mit Freunden das überfällige Gespräch zu suchen, erfolgt mangels Wissen und Erfahrung keine Hilfestellung, sondern Erstaunen oder sogar Ungläubigkeit.

So kann die Beziehung mit einer multiplen Persönlichkeit am Ende schnell an die eigenen Grenzen stoßen. Allein die Angst, die Partnerin könne ihre Selbstmordwünsche in die Tat umsetzen, schwingt mitunter täglich mit.

Andersherum können Partner Menschen mit DIS extrem schaden, indem sie sie schlichtweg überfordern, nicht in der Lage sind, sich richtig auf sie einzustellen. Und so bleibt diesen beiden Menschen oft nichts anderes übrig, als sich zu trennen, gemeinsam an ihrer Beziehung zu zerbrechen, oder es zu schaffen, behutsam miteinander umzugehen, Vertrauen herzustellen und zu lernen, die unterschiedlichen Situationen zu meistern. Bestenfalls finden beide Hilfe in einer Therapie.

Da es kaum Lektüre über diese Problematik gibt, möchten wir umso mehr ein sehr wichtiges und gutes Buch zum Thema empfehlen (siehe Buchempfehlung am rechten Rand).

Ursachen

Die Ursachen, die zur Spaltung führen, sind erschreckend. Neben Kriegstraumatisierungen, mangelnder Zuwendung und körperlicher Gewalt von Bezugspersonen, die Kinder mitunter in Todesnähe bringen, sind es hauptsächlich sexuelle Misshandlungen an Kleinkindern (meist Mädchen) bis ca. zum fünften Lebensjahr.

Hierin liegt sicherlich der Grund für die Unkenntnis über die Erkrankung. Der sexuelle Missbrauch an Kindern ist in unserer Gesellschaft ein Tabuthema. Denn er findet nicht irgendwo statt, sondern im eigenen Kinderzimmer, in der Nachbarschaft - die Täter sind meist in der eigenen Familie zu finden. Und nicht zuletzt wissen mitunter die Mütter um den Missbrauch und schweigen aus falscher Scham, aus Angst vor dem Partner, der Nachbarschaft und schaffen es nicht, sich an eine Anlaufstelle zu wenden.

Die Rollen der Mütter können jedoch auch derart ausgeartet sein, dass sie nicht nur wissen, sondern geradezu erleichtert sind, nicht selbst den sexuellen Forderungen ausgesetzt zu sein, oder sich sogar am Missbrauch beteiligen.

Die Opfer, hilflose Kinder, können den Missbrauch nicht verarbeiten, spüren, dass selbst die Mutter nicht hilft - egal, ob diese um den Missbrauch weiß oder nicht - und schützen sich selbst, durch die Aufspaltung in Personen, durch die Abspaltung von Traumatisierungen. Ein Prozess, der einmal in Gang gesetzt, über die Jahre fortgeführt wird und in der Regel kaum mehr rückgängig zu machen ist.

Der Missbrauch selbst wird von den Opfern oft soweit verdrängt, dass diese erst viele Jahre oder Jahrzehnte später, durch sexuelle Erfahrungen vermeldet bekommen oder selbst spüren, dass irgendetwas passiert sein muss.

Die Opfer leiden ein Leben lang. Es sind nicht ein paar Exoten sondern eine Vielzahl missbrauchter Menschen, die unter uns leben und denen man nur wünschen kann, dass sie den Weg in eine Therapie und eine kompetente Therapeutin oder Therapeuten finden, zu der/dem sie Vertrauen aufbauen können.
Die Täter leben meist ungestraft unter uns.

© 2009, Heidi Bieling
(Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung - Kontakt: heidi.bieling@portalgesund.de)

Ich danke an dieser Stelle der Buchautorin Sabine Marya, sowie allen Therapeutinnen ganz herzlich, die diesen Artikel gegengelesen haben. Insbesondere habe ich daraufhin die Mitschuld der Mütter konkretisiert.