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In der heutigen Zeit mit ihren zahlreichen Wahlmöglichkeiten erscheinen uns viele Entscheidungen unendlich kompliziert. Mit Nachdenken allein kommen wir oft nicht weiter. Aber können wir unserem Gefühl vertrauen? Und gibt es sie überhaupt – die richtige Entscheidung?

Ja oder nein oder weder noch?

Warum uns Entscheidungen oft so schwerfallen

Ursula Nuber

Nun entscheide dich doch endlich!“ Diese Aufforderung hören wir, gesprochen von einer ungeduldigen inneren Stimme, häufig in Situationen, in denen wir unschlüssig und untätig an einer Stelle verharren. Die Stimme traktiert uns bei unwichtigen Dingen (Handyvertrag oder Prepaidkarte? Keks oder Schokolade?), und sie quält uns ganz besonders hartnäckig, wenn es wirklich um etwas geht: um den nächsten Urlaub, den Mann oder die Frau unseres Lebens, einen Job, eine Wohnung, eine Geldanlage und vieles mehr. Wie es scheint, meldet sich diese Stimme heute viel intensiver und häufiger, als es noch vor Generationen der Fall war: Entschlusslosigkeit ist zu einem Zeitphänomen geworden, von dem immer mehr Menschen betroffen sind.

Entscheidungsschwierigkeiten sind natürlich nichts Neues. Schon der Philosoph Søren Kierkegaard klagte: „Es ist nicht zu glauben, wie schlau und erfinderisch die Menschen sind, um Entscheidungen aus dem Weg zu gehen.“ Doch das Problem besitzt heute eine neue Qualität: Viele Unentschlossene würden liebend gerne eine Wahl treffen, sie möchten ihr gar nicht ausweichen – aber sie sind nicht in der Lage zu entscheiden. Ihr Handeln ist blockiert.
Das liegt sicherlich vor allem daran, dass die Optionen so zahlreich geworden sind. Frühere Generationen mussten oft vorgezeichnete, von anderen vorgegebene Wege gehen, sie brauchten nicht zu überlegen, welche Lebensform und welche Lebensinhalte für sie die richtigen waren. Vieles, was sie entschieden, war gar keine wirkliche Wahl. Sie taten dieses oder jenes, weil es so üblich war, oder auch, weil sie aufgrund ihres Standes, ihres Geschlechts oder ihrer Bildungschancen schlicht gar keine anderen Möglichkeiten hatten. Sicherlich beeinflussen auch in unserem gegenwärtigen Leben die Gesellschaft, die Familie, das Schicksal oder der Zufall, welchen Weg wir einschlagen. Aber sehr viel häufiger als früher können und müssen wir selbst entscheiden, für welche Richtung wir uns in dieser schnelllebigen Welt mit ihren zahlreichen Weggabelungen entscheiden.
Das ist nicht einfach, ganz im Gegenteil: Sich entscheiden ist zur großen Herausforderung unserer Zeit geworden. So mancher kapituliert denn auch vor ihr, trifft lieber keine Entscheidung und muss dann erleben, dass andere über ihn bestimmen. Oder tritt auf der Stelle, aus Angst, die falsche Entscheidung zu treffen. Oder entscheidet etwas, nur damit entschieden ist – und bereut später seinen Schritt.

Vielen Menschen scheint abhandengekommen zu sein, was eigentlich zu unserem evolutionären Erbe gehört: die Fähigkeit, sich klug zu entscheiden. Hätten unsere Vorfahren diese Fähigkeit nicht besessen, wäre die Menschheit längst ausgestorben. Denn für die Menschen früherer Zeiten hing ihr Überleben von der richtigen Entscheidung ab: Sind die Beeren giftig oder genießbar? Ist der Schlafplatz sicher, oder könnten wilde Tiere angreifen? Schenkt dieser Partner mir gesunden Nachwuchs oder eher jener? Hätten sich unsere Vorfahren zu oft falsch entschieden, wäre es um die Menschheit heute schlecht bestellt.

Grundsätzlich also können wir uns entscheiden, die Fähigkeit dazu besitzen wir. Allerdings sind die Situationen, in denen wir vor einer Wahl stehen, nicht nur zahlreicher als früher, sie unterscheiden sich auch noch in einem weiteren Merkmal von Entscheidungssituationen früherer Zeiten: Sie sind deutlich komplexer. Das heißt: Es muss eine Fülle von Informationen berücksichtigt werden, um dem jeweiligen Entscheidungsobjekt gerecht werden zu können. Komplexen Optionen ist häufig nicht nach dem binären Muster „ja oder nein?“, „gut oder böse?“,„gefährlich oder ungefährlich?“ beizukommen.

Sicher haben wir manchmal auch in ganz simplen Situationen Entscheidungsschwierigkeiten, so zum Beispiel wenn wir unter 15 Salamisorten wählen dürfen, doch es sind die komplexen Entscheidungen, die wir nach dem üblichen Muster „was spricht dafür, was dagegen“ nicht bewältigen können. Auf sie hat uns die Evolution offensichtlich nicht vorbereitet.
Das bedeutet: Unsere Entscheidungsfähigkeit ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit, wir müssen sie „updaten“. Zum Beispiel, indem wir folgende Überlegungen in Entscheidungssituationen berücksichtigen:

Wer das Entscheiden lernen will, sollte keine Angst vor Verlusten haben

„Es ist ein Gesetz im Leben: Wenn sich eine Tür vor uns schließt, öffnet sich dafür eine andere. Die Tragik besteht jedoch darin, dass wir den Verlusten nachtrauern und die soeben geöffnete Tür nicht beachten.“ Diese Beobachtung des Schriftstellers André Gide beschreibt, was viele erleben, wenn sie eine wichtige Wahl treffen müssen. Denn jede Entscheidung für etwas ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen etwas, ist also mit Verzicht und Verlust verbunden. Gerade davor aber haben wir oft Angst: Wir fürchten die Kosten und konzentrieren uns nicht auf das, was wir gewinnen, sondern auf das, was wir verlieren oder worauf wir verzichten müssen. „Unsere Abneigung gegen einen Verlust ist ein starkes Gefühl und führt dazu, dass wir falsche Entscheidungen treffen“, sagt Dan Ariely, Verhaltensökonom am Massachusetts Institute of Technology. Das, so meint er, ist der Grund, warum wir daran interessiert sind, uns so viele Optionen wie möglich offenzuhalten.

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Übertragen auf Alltagssituationen, heißt das: Weil wir uns nicht gegen etwas entscheiden wollen, weil wir Angst davor haben, eine Tür endgültig zu schließen, versuchen wir oft, uns möglichst viele Türen offenzuhalten. Auf der Suche nach dem größtmöglichen „Gewinn“ wollen wir auf keine Option verzichten – und setzen uns dadurch erheblich unter Druck. Wir beenden unbefriedigende Freundschaften nicht (wer weiß, wofür wir sie noch brauchen können), wir pendeln zwischen zwei möglichen Partnern hin und her (der eine gibt Sicherheit, der andere verspricht Abenteuer) oder nehmen zu viele berufliche Projekte an (sicher ist sicher). Intensiv beschäftigt mit dem Türenaufhalten, prüfen wir oft gar nicht mehr, welche davon für uns und unsere Lebensziele wirklich wichtig ist.

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Der ganze Artikel ist erschienen in Psychologie Heute Februar 2010