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Dr. Philipp Rösler (Foto oben)

Dr. Philipp Rösler, Bundesgesundheitsminister bis zum 12.05.2011, nennt den Entwurf des Gesetztes "zur Änderungen des Infektionsschutzgesetzes und weiterer Gesetze", der vom Bundeskabinett im März 2011 beschlossen wurde: „Ein Meilenstein auf dem Weg zu besseren Hygienestandards“.

Tatsächlich handelt es sich darin um längst überfällige gesetzliche Regelungen, die auf Grund der Problematik keinerlei Euphorie vertragen. So erfreulich es ist, dass überhaupt ein Handlungsansatz vorhanden ist.

Jährlich infizieren sich rund eine halbe Million Patienten nach einem medizinischen Eingriff in einer deutschen Klinik oder ambulanten Einrichtung. Bis zu 40.000 Menschen sterben jedes Jahr an dieser sogenannten Krankenhausinfektion.

Selbst eine konsequente Umsetzung der Gesesetzesvorschläge wird Deutschland immer noch nicht an Hygiene-Standards in Nachbarländern wie Holland heranführen, wo bereits vor 30 Jahren begonnen wurde, diese Infektion systematisch einzudämmen.

Operation gelungen - Patient tot

Die Krankenhausinfektion - Ursachen und Hintergründe


Teil 1: Die Krankenhausinfektion - Einleitung

Teil 2: Mangelnde Krankenhaushygiene

Teil 3: Der falsche Umgang mit Antibiotika - die Zunahme multiresistenter Erreger



Teil 2: Mangelnde Krankenhaushygiene


Wie schlimm es um die Hygiene in deutschen Krankenhäusern (aber auch ambulanten Einrichtungen) bestellt ist, dokumentiert das Bundesgesundheitsminesterium höchstselbt auf seiner Webseite.

Demnach wären 20-30 Prozent der Krankenausinfektionen vermeidbar, wenn allein die Hygiene-Empfehlungen beachtet würden. Das bedeutet in Zahlen: viele Tausend Tote und mehrere Hunderttausend zum Teil schwere langjährige Erkrankungen. So absurd es klingen mag - sehr viele Infektionen wären vermeidbar, wenn sich nur Ärzte und Pfleger die Hände konsequent desinfizieren würden, denn die hygienische Händedesinfektion gehört zu den wichtigsten Maßnahmen zur Verhütung von Krankenhausinfektionen.

Verständlich wäre, wenn es sich hierbei um neue medizinische Erkenntnissse handeln würde, doch so verhält es sich leider nicht:


Die "Aktion saubere Hände"


Die "Aktion Saubere Hände", unterstützt vom Bundesgesundheitsministerium, wurde Anfang 2008 ins Leben gerufen und hat vornehmlich zum Ziel, eine Verbesserung der Händedesinfektion an Krankenhäusern und anderen stationären Einrichtungen zu erreichen. In 2011 soll diese Aktion auch auf ambulane Bereiche und Alten- und Pflegeheime ausgeweitet werden.

Erschreckend wirkt, dass die Aktion bereits auf medizinische Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts zurückzuführen ist:

"Den historisch entscheidenden Beitrag in der Medizin lieferte Ignaz Semmelweis (1818–1865),... Er erkannte die Ursache für das Kindbettfieber und führte 1847 als erster Hygienevorschriften für Ärzte, Hebammen und Krankenhauspersonal ein. Zu seinen Vorschriften zählte auch die Anweisung, vor und nach jedem Patientenkontakt die Hände mit Chlorkalk zu desinfizieren. Er konnte damit die Anzahl der innerklinischen Todesfälle deutlich senken.
> Zitat aus Wikipedia - Absatz: Hygienische und chirurgische Händedesinfektion

Fraglich bleibt:
warum sich bislang erst ca. 50 Prozent der deutschen Kliniken dieser Aktion angeschlossen haben.


Die Niederlande und Deutschland im Vergleich


Der Vergleich mit den Niederlanden macht die (Ab-)Gründe und Versäumnisse der letzten Jahre bis Jahrzehnte in unserem Gesundheitssystem bezüglich der Krankenhausinfektion transparent:

Die MRSA Bakterien gelten bislang als wichtigste Auslöser der Krankenhausinfektionen.

"Seit vielen Jahren gelten die Niederlande hinsichtlich ihrer Strukturen und praktischen Umsetzung von Krankenhaushygiene-Maßnahmen als vorbildlich. Dort wurde bereits zu Beginn der 80er Jahre mit der Bekämpfung von MRSA begonnen. Seitdem werden Richtlinien umgesetzt, die eine Suche nach mit MRSA besiedelten Patienten, deren konsequente Kontaktisolation und nachhaltige Dekontamination des Keims beinhalten..."

"Ein wesentliches Merkmal der niederländischen Strategie besteht darin, dass jedes Krankenhaus (in Deutschland nur fünf Prozent) einen hauptamtlichen Arzt für Mikrobiologie und Krankenhaushygiene beschäftigt, der täglich Visiten durchführt und über die Verordnung von Antibiotika entscheidet. Hygienefachkräfte unterstützen seine Arbeit, Mitarbeiter werden regelmäßig fortgebildet und die durchgeführten Maßnahmen mikrobiologisch kontrolliert."
> Zitate: Quelle - Ärzteblatt

Eine Vorlage für Deutschland?
Leider nicht. Denn eine derart systematische Suche nach mit MRSA besiedelten Patienten (das sogenannte Screening jedes Patienten) sowie der damit verbundenen erfolgreichen Reduzierung von MRSA soll es trotz des Erfolges in den Niederlanden in Deutschland weiterhin nicht geben. Wie man hierzulande die unsichtbaren Erreger in den Kliniken zukünftig aufspüren und konsequent eindämmen will, verraten die neuen Gesetzespläne des Bundesministeriums für Gesundheit leider nicht.


Die Situation in Deutschland - Was sich mit der neuen Gesetzesvorlage ändern soll


In Deutschland mangelt es nicht an Wissen, es mangelt an der praktischen Umsetzung von Hygiene-Empfehlungen, an der Bereitschaft konsequent zu handeln und Gelder in die systematische Bekämpfung von Infektionen zu investieren. Und es fehlten Gesetze der Länder. Vieles soll sich ab Mitte 2011 mit dem "Gesetz zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes und weiterer Gesetze" verbessern:


Empfehlungen zur Hygiene


Seit über 10 Jahren publiziert das Robert Koch Institut Hygiene-Empfehlungen, die stets auf den neuesten Wissensstand gebracht werden. Leider nur haben diese Empfehlung bislang keinerlei Rechtsverbindlichkeit.
> Empfehlungen der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention

Das soll sich nun ändern:
Empfehlungen zur Hygiene sollen verbindlich werden

"Von der Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) beim Robert Koch-Institut gibt es anerkannte Empfehlungen zur Infektionsvermeidung. Durch eine Änderung im Infektionsschutzgesetz sollen die Empfehlungen nun für Ärztinnen und Ärzte verbindlichen Charakter erhalten. Leiterinnen und Leiter von Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen werden ausdrücklich zur Durchführung der nach dem Stand der medizinischen Wissenschaft erforderlichen Präventionsmaßnahmen verpflichtet."


Fehlende Gesetze:


Fehlende Gesetze haben die Einsparpolitik vieler Kliniken (z.B. in Hygienefachkräfte) bisher indirekt unterstützt. Die Krankenhausgesetzgebung liegt bei den Bundesländern. Und so haben überhaupt erst 7 deutsche Bundesländer bis zum Beginn des Jahres 2011 Krankenhaushygieneverordnungen erlassen.

Das soll sich nun ändern:
Die Bundesländer sollen zum Handeln verpflichtet werden

"Die Bundesländer können im Rahmen ihrer Krankenhausgesetzgebung Krankenhaushygieneverordnungen erlassen, die detaillierte Regelungen über die personellen und organisatorischen Anforderungen für die Infektionshygiene treffen. Sieben Länder haben das bislang getan. Durch eine Änderung im Infektionsschutzgesetz werden nun alle Länder ermächtigt und verpflichtet, entsprechende Rechtsverordnungen nicht nur für ihre Krankenhäuser, sondern auch für andere relevante medizinische Einrichtungen zu erlassen. Der Bund gibt den Ländern bestimmte Regelungsinhalte vor. So können Bundesländer, die bisher keine Krankenhaushygieneverordnung hatten, diese direkt auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes erlassen."


Was bedeuten die dramatischen Infektionsraten


Trotz der Dramatik klingen all diese Informationen sehr sachlich und theoretisch. Daher möchten wir deutlich machen, was diese unfassbare Infektionsrate für unser Land und jeden einzelnen Bürger tatsächlich bedeutet:

Zunächst: die Krankenhausinfektion kann jeden von uns treffen.

Der Tod von bis zu 40.000 Menschen!!! in Deutschland pro Jahr!!! kommt der Auslöschung einer Kleinstadt gleich. Würde ein Flugzeug über Deutschland abstürzen und nur 500 Menschen in den Tod reißen, wäre ein Medienspektakel sondersgleichen die Folge.

Familien, Angehörige, Freunde trauern nach zum Teil miterlebten und lanjährigen Leidensphasen der Infizierten. Ehepartner verwittwen, Kinder verwaisen tausendfach - Jahr für Jahr - nur auf Grund dieser Krankenhausinfektion in Deutschland - laut Aussage des Bundesministeriums für Gesundheit, wären 20-30 Prozent dieser Toten und Infizierten vermeidbar.

Wir möchten auf ein Video einer Panorama-Sendung verweisen. Hierin wird das Schicksal nur eines der über 600.000 jährlich betroffenen Patienten dokumentiert und veranschaulicht.
> Panorama-Beitrag


Ausführliche Informationen zu den Gesetzesplänen:


Ausführliche Informationen über den "Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Infektionsschutzgesetzes und weiterer Gesetze" auf der Webseite des Bundesministeriums für Gesundheit
> Bundesministerium für Gesundheit


>> Teil 1: Die Krankenhausinfektion - Einleitung

>> Teil 3: Der falsche Umgang mit Antibiotika - die Zunahme multiresistenter Erreger


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