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Vier Millionen Kinder in Deutschland zeigen psychische Auffälligkeiten. Dennoch erhält nur jedes fünfte von ihnen Hilfe. Gerd Lehmkuhl, Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Professor an der Uniklinik Köln, setzt sich als Vorstandsvorsitzender der neuen Stiftung „Achtung Kinderseele“ bundesweit für eine bessere Früherkennung und Frühbehandlung ein.

www.achtung-kinderseele.de

Sind Kinder heute psychisch labiler?

PSYCHOLOGIE HEUTE
Herr Professor Lehmkuhl, die steigenden Fallzahlen von psychisch erkrankten Erwachsenen sind ein Dauerthema in den Medien. Dass aber 20 Prozent aller Heranwachsenden unter 18 Jahren an seelischen Problemen leiden, bekommt kaum jemand mit. Woran liegt das?

GERD LEHMKUHL
An der Tabuisierung. Bei Kindern und Jugendlichen werden psychische Probleme vom Umfeld Häufig nicht ernst genommen. Sie werden als Entwicklungsphasen oder Besonderheiten abgetan, weil man vielleicht nicht so genau hinschauen möchte, um die notwendigen Schritte nicht einleiten zu müssen. Viele Eltern fürchten sich vor dem – oft unberechtigten – Gefühl, versagt zu haben. Das macht es schwer, Experten aufzusuchen. Nur 15 bis 20 Prozent aller behandlungsbedürftigen Kinder bekommen deshalb die Hilfe, die sie benötigen.

PH Also bleiben drei Millionen seelisch erkrankte Kinder unversorgt.

LEHMKUHL Diese Kinder zeigen nicht immer schon manifeste psychische Erkrankungen. Aber sie zeigen Auffälligkeiten, aus denen relativ schnell Störungen werden können, wenn man nicht angemessen reagiert. Aus Forschungen wissen wir mittlerweile, dass sich bei der Hälfte dieser Kinder und Jugendlichen die Auffälligkeiten im Erwachsenenalter zu einer handfesten psychischen Krankheit auswachsen, wenn eine Früherkennung unterbleibt. Das zieht ein hohes Maß an persönlichem Leid und auch enorme Folgekosten nach sich. Dabei würden oft schon Beratung oder stabilisierende Maßnahmen reichen, um spätere Interventionen zu vermeiden.

PH Gibt es denn eine Zunahme psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen?

LEHMKUHL Es gibt wenige hart belastbare Zahlen. Aber in der Tendenz nehmen depressive Störungen und Essstörungen gerade in den niedrigschwelligen Formen eher zu. Nur finden diese „leisen“ Störungen in unserer Gesellschaft kaum Beachtung. Die aggressiven Störungen oder ADHS sind da viel besser sichtbar.

PH Womit erklären Sie sich diese Zunahme?

LEHMKUHL Ich glaube, dass sich die Bedingungen für Kinder und Jugendliche verändert haben. Mobbing in sozialen Netzwerken zum Beispiel nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Es werden zunehmend Bilder von peinlichen Situationen ins Netz gestellt, und dadurch fühlen sich viele Jugendliche beschämt und ausgegrenzt. Der klinische Eindruck ist, dass diese Verhaltensweisen auch von immer Jüngeren praktiziert werden. Das Leben heute ist also schneller, vernetzter, anspruchsvoller. Kinder und Jugendliche, die emotionalkognitiv nicht so stabil sind, brechen deshalb Schneller zusammen. Ich arbeite nun seit 25 Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Köln, und so viele nächtliche Notfälle in Form von akuten Krisen und suizidalen Handlungen wie heute habe ich noch nicht erlebt. Die Intensität und Schwere nimmt zu.

PH Hängt das auch mit der Auflösung von Familien- und Sozialstrukturen zusammen?

LEHMKUHL Sicher. Viele Familien sind nicht mehr stabil genug, um Dinge aufzufangen und zu bewältigen. Auf unserer Kinderstation zum Beispiel haben wir immer zwölf Kinder, von denen leben in der Regel höchstens zwei oder drei noch mit ihren biologischen Ursprungsfamilien zusammen. Die anderen haben alleinerziehende Eltern oder stammen aus Patchworkfamilien. Die zunehmende Schwächung sozialer Netze gibt Anlass zur Sorge, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren verschärfen wird.

PH Ob eine Familie für ihr Kind Hilfe in Anspruch nimmt oder nicht, hängt das vom sozialen Hintergrund ab?

LEHMKUHL Vorbehalte sind in allen Schichten vorhanden. Sicher ist aber, dass die Psychotherapie in belasteten Familien nicht in dem Maße angenommen wird wie vielleicht in Mittelschichtsfamilien. Häufig gibt es auch ein Missverhältnis zwischen der Schwere der psychischen Belastung und der Inanspruchnahme psychotherapeutischer Maßnahmen. Wir haben 1998 eine große bundesweite Studie durchgeführt und mehrere tausend Eltern befragt, wie sie die psychische Lage ihrer Kinder einschätzten. Was uns damals erschreckte, war, dass diejenigen, die die meisten Symptome feststellten, am seltensten in Beratung kamen. Die am schwersten betroffenen Kinder oder Jugendlichen sehen wir also unter Umständen gar nicht.

PH Eines der Ziele der Stiftung „Achtung Kinderseele“ ist, gerade diese Kinder besser zu erreichen. Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

LEHMKUHL Die Schwelle, kinder- und jugendpsychiatrische Institutionen aufzusuchen, ist immer noch sehr hoch. Deshalb wollen wir möglichst schon im Vorfeld beraterisch mit anderen Stellen zusammenarbeiten. Da ist der Kindergarten ein wichtiger Ort, im nächsten Schritt sollten die Schulen erreicht werden. Wir starten nun ein bundesweites Projekt, bei dem kinder- und jugendpsychiatrische Kollegen als Paten viermal im Jahr in eine Kita hineingehen und dort Erzieher und Eltern über psychische Gesundheit informieren und über die ersten Anzeichen, wenn Dinge nicht so gut laufen. Auch regelmäßige Schulsprechstunden für Lehrer und Eltern peilen wir an. Wir hoffen, dass wir noch mehr tun können, wenn wir mehr Ressourcen haben.

PH Es fehlt also noch am Geld?

LEHMKUHL Wir sind im April ganz zaghaft gestartet und suchen jetzt nach möglichen Unterstützern. Unser Problem ist, dass wir – im Gegenteil etwa zu den Eltern krebskranker oder herzkranker Kinder – einfach kein Elternnetzwerk hinbekommen. Unsere Eltern würden nie Spenden eintreiben, Lobbyarbeit organisieren oder sich an Stände stellen. Wenn wir ihnen geholfen haben, sind sie sehr froh, engagieren sich für das Thema aber nicht in der Öffentlichkeit.

Mit Prof. Gerd Lehmkuhl sprach Anne-Ev Ustorf.

Der Artikel ist erschienen in Psychologie Heute Oktober 2011