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Die Psychotherapeutin Friederike Potreck-Rose erklärt, warum sich die Arbeit am Selbstwert lohnt.

Der Selbstwert

"Sei doch nicht so streng mit dir!"

PSYCHOLOGIE HEUTE Woran merke ich, dass es mir an Selbstwert oder Selbstachtung mangelt?

FRIEDERIKE POTRECK-ROSE Das wissen die meisten Menschen ganz genau, die es betrifft. Sie haben von sich selbst keine hohe Meinung. Dabei ist es wichtig zu wissen, dass ein niedriger Selbstwert überhaupt nicht mit dem übereinstimmen muss, wie eine Person von anderen beurteilt wird. Es kann durchaus sein, dass Freunde, Bekannte und der Partner meinen, dass dieser Mensch sein Licht dauernd unter den Scheffel stellt. Die würden sagen: Du hast keinen Grund, dich so schlecht zu bewerten, du machst deinen Job ganz gut, bist eine tolle Freundin, ein prima Sportskumpel oder ein klasse Vater.

PH Sie schreiben, dass es nicht nur einen, sondern mehrere Selbstwerte gibt. Wie meinen Sie das?

POTRECK-ROSE Das ist ein wichtiger Aspekt für die Arbeit an der eigenen Wertschätzung. Menschen mit geringem Selbstwert neigen dazu, ein generalisiertes Urteil zu fällen, über all ihre gesellschaftlichen Rollen und Lebensbereiche hinweg. Diese Generalbeurteilung wird aber dem Menschen nicht gerecht. Wir leben alle in verschiedenen Rollen, sind beispielsweise Mutter, Chefin oder Angestellte, Freundin, Partnerin. Wenn man Menschen gezielt danach fragt, schreiben sie sich auch ganz unterschiedliche Selbstwerte in den verschiedenen Lebensbereichen zu. Das ist der Weg aus der Falle: Anfangen, zu differenzieren, sich mehrere unterschiedliche Selbstwerte in verschiedenen Lebenszusammenhängen zuzugestehen. Und nicht, wie Menschen mit geringem Selbstwert es häufig tun, das Augenmerk ausschließlich auf die Bereiche zu richten, in denen man meint, hinter den eigenen Ansprüchen zurückzubleiben.

PH Warum lohnt sich die Arbeit am Selbstwert überhaupt?

POTRECK-ROSE Weil ein hoher Selbstwert mit sehr vielen verschiedenen positiven Emotionen verbunden ist. Psychologische Untersuchungen haben gezeigt, dass eine gute Meinung von sich mit hoher Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden einhergeht. In der Regel fühlen sich diese Menschen wohler, sie sind zufriedener mit den eigenen Leistungen und haben oftmals auch mehr Erfolg in der Schule und im Beruf.

PH Wie lässt sich nun die Selbstachtung erhöhen?

POTRECK-ROSE Zunächst geht es darum, etwas zu tun, was Menschen mit einem geringen Selbstwert eher schwer fällt, nämlich: sich genau so sein zu lassen, wie man ist. Das ist eine Übung in Achtsamkeit. Es geht darum, genau jene Verhaltensweisen anzuerkennen, die man an sich kritisierenswert findet. Also beispielsweise: So unordentlich zu sein, wie man ist, so unpünktlich oder auch so nachlässig. Das ist nicht leicht. Denn das Gegenteil tun wir alle – und besonders Menschen mit geringem Selbstwert – im Alltag ständig: Wir machen uns dauernd selbst Vorschriften, wie wir sein sollten. Der nächste Schritt wäre dann, sich die Frage zu stellen: Könnte ich denn auch anders sein?

PH Achtsam sein, um die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen und Verhaltensvielfalt auszuprobieren?

POTRECK-ROSE Ja, um mit der Variation des Verhaltens zu spielen. Aber erst einmal achtsam sein, wie man ist. Nur von da aus können Veränderungen stattfinden. Sie kennen sicher Menschen, die so leben, als wenn sie sich selbst immer ein Stück voraus sind. Das fängt bei der Figur an und hört beim Fleiß oder beim Perfektionismus in der Arbeit auf. Ständig halten sie sich ihr Ich-Ideal, also wie sie meinen, sein zu müssen, vor die Nase. Zum Beispiel: Ich sollte zehn Kilo weniger auf die Waage bringen und bei der Arbeit doppelt so schnell sein. Wer schafft das schon? Für fast alle Menschen gilt, dass sie mit sich selbst sehr viel strenger sind als mit anderen.

PH Woher kommt diese Strenge?

POTRECK-ROSE Es gibt eine Instanz, die ich den "inneren Kritiker" nenne. Aus tiefenpsychologischer Perspektive würde man diesen Kritiker dem Über-Ich zuordnen. Diese Instanz vertritt die verinnerlichten Normen, macht uns Vorschriften, wie wir zu sein haben, was wir alles leisten müssten. Der innere Kritiker läuft ständig mit der Messlatte herum – die bei Menschen mit geringem Selbstwert sehr hoch liegt. Gleichwohl ist der innere Kritiker wichtig, weil er auch für den Ansporn sorgt, für unsere Leistungsmotivation. Aber er muss gewissermaßen „auf Diät“ gesetzt werden, denn meistens legt er die Messlatte so hoch, dass wir kaum eine Chance haben, die Hürde erfolgreich zu überwinden. In der Regel müssen wir darunter hergehen – und das mindert den Selbstwert.

PH Dann haben Menschen mit niedriger Selbstachtung häufig zu hohe Ansprüche?

POTRECK-ROSE Ja, und das zu erkennen, dass die eigenen Ziele oft zu hoch gesteckt sind, geht meist mit einem schmerzlichen Selbsteingeständnis einher – denn es bedeutet, dass ich mir vor Augen führe, dass meine Kräfte oder mein Talent vielleicht nicht ausreichen, um die Spitzenleistungen zu erbringen, die ich mir so sehr gewünscht habe. Es ist schmerzlich und auch mutig, sich zu sagen: Okay, ich kann tatsächlich nicht super ordentlich sein, werde wohl nie eine Sportskanone, und im Beruf werde ich womöglich nicht die Startherapeutin, die ich so gerne wäre. Es ist zwar harte Arbeit, aber es kann auch eine große Erleichterung bringen, die eigenen Ziele auf ein realistisches Maß herunterzuschrauben. Weil man dann nicht mehr den eigenen überhöhten Ansprüchen hinterherhecheln muss.

PH Dann sollten wir lernen, mehr mit dem Mittelmäßigen zufrieden zu sein?

POTRECK-ROSE Ich glaube nicht, dass es immer das Mittelmaß sein muss. Aber die Messlatte für Erfolge muss runtergelegt werden! Nicht jede kann in der Firma Abteilungsleiterin werden oder gar mit wissenschaftlichen Forschungen die Welt bewegen, das ist Wunschdenken.

PH Woran merke ich, wann die Messlatte richtig liegt?

POTRECK-ROSE Eine einfache Prüfung dazu wäre, sich zu fragen: Wie oft erreiche ich meine Ziele denn? Die Antwort kann jeder sich einfach vor Augen führen, beispielsweise anhand von Aufgabenlisten für einen Tag: Wenn diese nie ganz abgearbeitet werden, ist das ein Zeichen, dass ich mir zu viel vornehme. Zu dieser Prüfung gehört auch, sich nach Erreichen eines Ziels zu fragen: Wie hoch war der Preis? Wie viel Leid hat es gekostet, das Vorgenommene zu erreichen? Am Selbstwert zu arbeiten heißt, mit geringeren Ansprüchen zu experimentieren, mal weniger Aufgaben auf die "To-do-Liste" zu setzen und zu gucken: Wie fühlt sich das an, wenn ich am Ende eines Arbeitstages nicht nur drei Viertel, sondern fast alles erledigt habe?

PH Oft liegt das Nichterledigen aber auch daran, dass wir viel Zeit mit Aufschieben und In-die-Luft-Gucken verplempern.

POTRECK-ROSE Ja, dafür sorgt eine innere Instanz, die ich den "Faulpelz" nenne. Man muss diesem trägen Wesen in uns tatsächlich auf die Finger schauen: Wenn jemand nicht viel von sich hält und gleichzeitig sehr hohe Ansprüche hat, dann wird der innere Faulpelz sehr fordernd. Er flüstert uns dann ständig ein: Ich kann aber nicht! Jetzt nicht, lieber später, lieber morgen oder übermorgen! Dieses innere Phlegma ist ein Gegenspieler des Kritikers. Menschen, die einen ausgeprägten Faulpelzteil in sich haben, bringen tatsächlich oft viel weniger zustande, als sie eigentlich schaffen könnten. Sie sind unordentlich, kommen zu Terminen zu spät oder halten Abgabefristen nicht ein. Das Interessante ist: Der Faulpelz wird immer dann immens groß, wenn der innere Kritiker unerfüllbar hohe Ansprüche stellt. Dann sorgt der Faulpelz für den stillen Boykott.

PH Wie kann man den inneren Faulpelz im Zaum halten?

POTRECK-ROSE Indem man ihn rehabilitiert, als Teil von sich anerkennt und ihm "garantierte Faulpelzzeiten" zusichert. Denn der gemäßigte Faulpelz ist für unser Wohlbefinden wichtig. Erholung und Muße gehören wie der Schlaf zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Der Faulpelz sorgt dafür, dass wir uns Ausruhzeiten nehmen – zum Regenerieren, zum Kräftesammeln, um zu neuen Taten zu schreiten. Wer viel von dem Vorgenommenen erledigt hat, sollte sich unbedingt Pausen gönnen und dann auch richtig faul sein – ganz ohne schlechtes Gewissen.

Das Gespräch mit Friederike Potreck-Rose führte Susie Reinhardt.

Diesen Artikel und mehr zum Thema "Selbstwert" finden Sie im Heft Psychologie heute 11/06.