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Bei vielen Menschen bleibt es bei dem guten Vorsatz. Einige schaffen es jedoch, mehr oder weniger regelmäßig Tagebuch zu führen. Das "tägliche Seeleputzen" ist eine hilfreiche Strategie, um kritische Lebensereignisse besser zu bewältigen, und hat einen weiteren Vorzug: Diaristen schaffen sich eine Reliquie des eigenen vergangenen Lebens.

Das Medium der Selbstbewahrung
Tagebücher und ihre heilende Wirkung auf die Psyche

von Christine Weber-Herfort

Die Entwicklungspsychologin Inge Seiffge-Krenke nennt in einer Untersuchung von 1985 fünf Hauptfunktionen, die das Tagebuchschreiben erfülle:
Erinnerung, emotionale Entlastung, Selbstintegration, Selbstkritik sowie die Funktion des Tagebuchs als Vertrauter. Die Professorin hat herausgefunden, dass Tagebuchführen ein überwiegend weibliches Bedürfnis, speziell des Jugendalters, ist. In der Gruppe der 15- bis 24-Jährigen haben 22 Prozent der Männer und 70 Prozent der Frauen schon einmal Tagebuch geschrieben. Seiffge-Krenke kommt zu dem Schluss, dass es sich bei den Tagebuchschreibern im Vergleich zu nichtschreibenden Altersgenossen um eine positive Selektion handele: "Diese Jugendlichen zeichnen sich durch höhere Kreativitätswerte und bessere Rollenübernahmefähigkeiten aus." In den verunsichernden Prozessen der Selbstprüfung bei Jugendlichen sei das Tagebuch als Gesprächspartner überaus bedeutsam, insbesondere wenn verlässliche Freunde oder erwachsene Vorbilder ausfielen.

Auch für die Psychologin Elisabeth Mardorf, die sich mit dem Phänomen Tagebuch auseinandersetzt und viele Interviews mit Diaristen führte, war ihr erstes Tagebuch eine liebe Freundin, eine Vertraute. Sie richtete es an eine "Daniela", um ihr von der ersten heimlichen Liebe zu Daniel zu erzählen. "So gelang es mir, meine Gefühle besser kennenzulernen und zu ordnen", erzählt die Therapeutin, die im Tagebuchschreiben eine wichtige Hilfe bei der Entwicklung der Persönlichkeit sieht und es als ein Mittel zur Problemlösung bei ihren Klienten einsetzt – und zwar unabhängig vom Lebensalter. Noch heute setzt sich die Psychologin selbst täglich hin und schreibt. Sie erlebt diesen kreativen Vorgang als eine Art Selbsttherapie zur Verarbeitung von Gedanken und Gefühlen. Sie ist überzeugt: "Kein Therapeut kann einem Menschen die Selbsterkenntnis ersetzen, die man durch ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst gewinnt." Das Wahrnehmen der eigenen Schattenseiten und Schwächen und schließlich auch die Integration dieser schwarzen Flecken in das Bild vom Selbst sei Teil der menschlichen Entwicklung. "Jemand, der auch beim Tagebuchschreiben ehrlich ist, baut über kurz oder lang eine ironische Distanz sich selbst gegenüber auf. Denn sich selbst im Schreiben ernst zu nehmen führt über einen längeren Zeitraum paradoxerweise dazu, dass man nicht alles mehr so ernst nehmen kann, weil man beim Wiederlesen einen Spiegel vorgehalten bekommt. Und der zeigt erbarmungslos die blinden Flecken."

Auch die Psychologin Inge Detlefsen schätzt das Tagebuchschreiben und seine heilenden Effekte. "Für mich persönlich ist das Tagebuchschreiben eine Form, etwas aus mir herauszubringen. Wenn ich spüre, der innere Druck wird so groß, ich laufe – bildlich gesprochen – emotional über, mein Gefühl wird so stark, dass es ein Ventil braucht zur Klärung, dann schreibe ich Tagebuch. Dabei kommt es für mich nicht darauf an, ob das richtig oder wahr ist, was ich da schreibe. Ich schreibe, was ich gerade denke, auch was ich anderen nicht sagen will oder kann. Ich schreibe also ohne Vorbehalte." Das Schreiben verlangsamt die innere Dynamik. Das hat nichts mit Aufarbeitung zu tun, es ist zunächst einmal eine Entlastung.

Den kompletten Artikel lesen Sie im Heft:
Psychologie Heute 11/09 S. 68-71