PSYCHOLOGIE

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Flaschenkinder

Flaschenkinder - Wenn Eltern trinken
Deutschland, 1997,
30 Minuten,
Ein Film von Tina Soliman und Torsten Lapp,
Im Auftrag des ZDF,
empfohlen ab 12 Jahren,
FSK 12

Der Film wird bis heute von Schulen, zahlreichen Verbänden und Einzelpersonen als DVD über die Website der "Katholisches Filmwerk GmbH" bezogen.

Weitere Informationen
sowie Bestellmöglichkeiten
> filmwerk

Der Artikel ist ein Auszug
aus dem Arbeitsmaterial
zum Film. Wir danken der "Katholisches Filmwerk GmbH" für die freundliche Genehmigung zur Publikation des Artikels.

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Petra Dummermuth-Kress
Aus- und Fortbildung in Systemischer Familientherapie (IFW). Seit 19 Jahren als Einzel- und Gruppentherapeutin in der stationären und teil-stationären Behandlung von Suchtkranken tätig. Seit 1999 zusätzlich freiberufliche Tätigkeit als Familientherapeutin.

Wenn Eltern trinken

von Petra Dummermuth-Kress

Kinder von Alkoholikern sind stark gefährdet. Nahezu 70% aller Kinder von Alkoholikern sind in ihrem späteren Leben selbst abhängig von Alkohol oder anderen Drogen.
Die Probleme der Kinder von Alkoholikern sind längst nicht beendet, wenn der Alkoholiker mit dem Trinken aufhört oder die Kinder aus anderen Gründen wie Scheidung oder Tod nicht mehr direkt mit dem Alkoholiker konfrontiert sind. Sie sind auch nicht behoben, wenn die Kinder erwachsen geworden sind. Die meisten Betroffenen merken erst im Alter von ca. 30, dass mit ihrer Persönlichkeit etwas nicht stimmt und dies wohl im Zusammenhang zu ihrer Kindheit in einer Alkoholikerfamilie steht.

Auf einen Alkoholabhängigen kommen drei bis vier Mitbetroffene: Eltern, Partner, Kinder. Das Leben dieser Kinder wird durch den Alkoholismus der Eltern nachhaltig beeinträchtigt. Sie erleben einerseits Enttäuschungen, Gewalt, Desinteresse, Unberechenbarkeit und andererseits Beteuerungen, Versprechungen, Sehnsüchte nach Nähe, Geborgenheit, Zuverlässigkeit. Dies führt zur klassischen Zerrissenheit der Gefühle (double bind): Angst und Ablehnung, aber auch Liebe und Loyalität zu den Eltern. Die Kinder sind in jeder Minute ihres Lebens darauf gefasst, von einer auf die andere Seite pendeln zu müssen. Und sie beginnen, ihre eigenen Gefühle zu verstecken, unterzuordnen oder ihnen zu misstrauen. Sie sind in existentiellen Bereichen ihres Lebens auf sich selbst gestellt oder allein gelassen. Die genauen Auswirkungen des Alkoholismus von Eltern auf ihre Kinder sind nicht abzuschätzen. Vieles hängt vom familiären Hintergrund ab, von der Lebenssituation und der Dauer des »nassen« Zustandes, vom Alter der Kinder, von zuverlässigen oder unzuverlässigen Beziehungen zu anderen Bezugspersonen usw.

Mindestens genauso wichtig erscheint die Persönlichkeitsstruktur der Kinder. Kinder sind kreativ und ebenso kreativ sind ihre Lösungsversuche. Die Bandbreite reicht von Verhaltensauffälligkeiten über Schulschwierigkeiten, Entwicklungsdefiziten, selbst zerstörerischen Tendenzen, psychosomatischen Krankheiten, Helfersyndrom bis hin zur eigenen Sucht. Wie ein Mensch solche einschneidenden kindlichen Erlebnisse verarbeitet, hängt nicht zuletzt auch davon ab, welche weitere Persönlichkeitsentwicklung ihm anschließend gelingt, welche Hilfe - möglicherweise von professioneller therapeutischer Seite oder in Selbsthilfegruppen - er erfährt.

Dennoch lassen sie einige »typische« Folgen feststellen:

Die Kinder haben durchweg ein schlechtes Selbstwertgefühl auf Grund körperlicher und seelischer Gewalterfahrungen. Sie erleben sich selbst als nicht liebenswert; denken, sie sind nicht erwünscht, was massive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung hat. Beispielsweise glaubt ein Kind, das immer weggeschickt wird (z.B. weil die Eltern nicht wollen, dass es Auseinandersetzungen miterlebt.), dass es nicht geliebt wird, dass es im Wege ist, dass die Eltern es nicht mehr haben wollen. Erschwerend kommt das Schweigen über den Alkoholismus hinzu. Könnten die Kinder mit Bezugspersonen darüber reden, hätten sie für vieles, was sie in ihrem Leben nicht begreifen, was sie verstört, was sie ungerecht erleben oder fälschlicherweise auf sich beziehen, eine plausible Erklärung. Zumindest hätten sie Klarheit über die Wahrheit. So aber sind sie zum Schweigen verpflichtet, innerhalb und außerhalb der Familie. Es kommt zum emotionalen Rückzug als Abwehrmechanismus. Die Kinder erleben ihre Gefühle wie Wut, Angst und Trauer, erfahren jedoch keine adäquate Reaktion von den Eltern. Sie sind gezwungen, sich in die innere Emigration zu begeben, sich in sich zurückzuziehen oder ihren Gefühlen zu misstrauen.

Dies führt zwangsläufig zu Störungen des Kommunikationsverhaltens dieser Kinder. Sie trauen sich und ihren Gefühlen nicht mehr und setzen an deren Stelle Ersatzgefühle, von denen sie glauben, dass sie erwünscht seien. Sie lachen, selbst wenn sie wütend sind, weil sie keine Wut zeigen durften. Oder sie lächeln, wenn sie Angst haben, denn dies hat sich als gutes Mittel der Beschwichtigung gegenüber dem schlagenden Vater bewährt. Dieses erlernte Kommunikationsverhalten zieht sich durchs spätere Leben und führt zu deutlichen Kommunikationsstörungen.

Zwangsläufig haben diese Menschen oft Probleme in Beziehungen. Dies rührt nicht nur von der gestörten Kommunikation her, sondern vielmehr von der Bindungslosigkeit, die sie als Kinder erfahren haben. Die enge Beziehung zu den Eltern, die jedes Kind anfangs zwangsläufig hat, ist gekoppelt an Misstrauen, Enttäuschungen, Gewalterfahrungen und Unzuverlässigkeit. Soll ein Mensch mit diesen Erfahrungen nun eine enge Bindung eingehen, packt ihn automatisch die Angst vor dieser Nähe, durch die er sich wieder verletzlich machen würde.

Ein weiteres Problem ist die dauernde Anspannung, in der Kinder von Alkoholikern leben müssen. Sie haben in ihrem weiteren Leben oft massive Schwierigkeiten mit Anspannung und Entspannung. Ein Spannungsabbau gelingt ihnen häufig schlecht oder nur mit Hilfsmitteln. Manche werden arbeitssüchtig, um immer ein hohes Level an Anspannung zu halten; manche gebrauchen Suchtmittel, um sich mit Hilfe einer Droge wenigstens kurzzeitig entspannen zu können und wohlig geborgen zu fühlen. Von hier aus ist es nur noch ein Schritt zur eigenen Suchtmittelabhängigkeit.